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Neues von der Front

Die Front Deutscher Äpfel ist wieder da! Aufgrund unserer regen Beteiligung an diesem Projekt, dokumentieren wir an dieser Stelle einige ausgewählte Links mit Informationen zum Comeback der “einzigen wirklich nationalen Bewegung Deutschlands”:

1. Zunächst ein Artikel von ER zu den aktuellen Entwicklungen:

ER – Front Deutscher Äpfel zurück im Schützengraben

2. Die redaktionelle Arbeit der FDÄ Online Redaktion wurde aufgenommen und ist unter der altbekannten Adresse zu finden:

www.apfelfront.de

3. Das Hauptmotiv der wiederaufgenommenen Arbeit ist die internationale Ausrichtung des gesamten Projektes.

Nach dem sich in Ungarn die Ungarische Knoblauchfront gegründet hat, sollen weitere Fronten von gleichem Format eröffnet werden. Hierzu wurde ein Manifest geschrieben und mittlerweile ins Englische übersetzt:

Front Deutscher Äpfel – Front Manifest (DE)

Front Deutscher Äpfel – Front Manifest (EN)

Neuigkeiten der Apfelfront, anstehende Termine sowie hin und wieder Stellungsnahmen zu aktuellen Anlässen finden sich unter www.apfelfront.de.

Kritik der Konsumkritik

Keine Besprechung, eher Randnotiz anlässlich des Erscheinens von Harald Welzers „Der Konsumismus kennt keine Feinde“ in Blätter für internationale Politik.

Konsumkritik ist ausschließlich idealistische Gesellschaftskritik, nicht mehr. Sie fängt in ihrer Analyse einfach falsch an. Das Grundproblem am Kapitalismus ist nicht, welche Güter wie konsumiert werden. Das Problem ist, wie sie produziert werden. Die Produktion erfolgt im Kapitalismus auf Basis von Spekulation. Und nein, damit sind selbstverständlich nicht nur Spekulationen im Finanzsektor gemeint.

Jeder Bäcker spekuliert jeden Morgen darauf, wie viele Brötchen wohl verkauft werden. Jeder Verlag produziert Auflagen von Büchern, ohne zu wissen, wie viele denn eigentlich gebraucht werden und jede Fernsehsendung wird zuerst produziert und dann eingestellt, wenn sie nicht genügend Einschaltquoten bringt.

Überproduktion ist innerhalb der kapitalistischen Produktionsweise unvermeidlich. Sie ist eingrenzbar durch Marktforschung, aber sie ist unvermeidlich.

Umso enttäuschender, dass Harald Welzer in seinem Artikel „Der Konsumismus kennt keine Feinde“ (erschienenen in Blätter für internationale Politik) nicht eben dies thematisiert, sondern bei Konsumkritik stehen bleibt. Es ist wirklich bedauerlich, da seine Perspektive eigentlich sehr sympathisch ist – er prophezeit, dass innerhalb kapitalistischer Verhältnisse die Menschheit sich selbst in Zukunft stark dezimiert, weil sie ihre eigenen Lebensgrundlagen zerstört.

Aber die Verhältnisse erscheinen ihm als ungeheure Ansammlung von Waren und bei dieser Erscheinung bleibt er stehen. Anstatt sich mit dem Wesen dieser Erscheinung zu befassen, kritisiert er einzelne Güter und beschwert sich über das Bedürfnis nach dem „noch flacheren Fernseher“ und „die noch fernere Fernreise“. Das ist zu wenig, gerade aufgrund der von ihm ja völlig zu Recht attestierten Dringlichkeit der Umstellung menschlichen Wirtschaftens.

Daneben Wachstumsstreben zu kritisieren, ist innerhalb dieser Verhältnisse wenig hilfreich: Es gibt kein Null-Wachstum, sondern nur Wachstum oder Stagnation. Und Stagnation sollte man in diesen Verhältnissen niemandem wünschen, es sei den man vertritt die Verelendungstheorie.

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DADA in Budapest – Seminarreise 2013 in Ungarn

Die Union ist in Aufruhr. Ungarn entfernt sich stetig von der “Wertegemeinschaft” der EU, die sich wiederum ohne Handhabe gegenüber devianten Staaten wiederfindet. Aus diesem und anderen politischen, künstlerischen und kulturellen Interessen hat sich das BRIMBORIA Institut für mehrere Wochen nach Budapest aufgemacht, um die Lage zu analysieren und gleichzeitig - ganz im Sinne der Internationalen Brigaden für Ungarn – in das Geschehen einzugreifen.

Unter direkter Beteiligung der Institutsleitung, sowie mit Mitgliedern der Front Deutscher Äpfel und der Ungarischen Knoblauchfront, gründete sich die Aktionskunstgruppe DADA (Democrat Activists for a nice Democratic Attitude), um dem Treiben der Regierung, den Faschisten und den unfähigen Oppositionellen überaffimierend zu opponieren. Die Gleichgültigkeit der politischen Botschaften resultierte in der im Video unten dokumentierten Aktion.

DADA replaces national holiday demonstrations in Budapest

“Who is not with us, is a traitor of Hungary”

One hundred artists occupy the streets of Budapest and replace the demonstrations of Jobbik, Fidesz and Milla.

A video leìràsa elèrhetö a következö linken: http://hedonist-international.org/aru…
Die deutsche Beschreibung ist unter folgendem Link verfügbar: http://hedonist-international.org/aru…

Traditionally, the 15th of March is a day of political demonstrations in Budapest. Due to a massive onset of snow in Hungary it seemed until the morning that no outside events would take place at all. But “DADA” did not want to break with that tradition. The Hungarian-German artist activist group “Democratic Activists for a nice Democratic Attitude” on the spot replaced several demonstrations of the established political parties.

In recent years the dominant political parties – especially the national conservative ones – veered away from the remembrance of Hungary’s achieved freedom in 1848. Instead of the revolution they give prominence to the nation and to the daily political showing-off. As it was the case in 1848 DADA pointed to the critique of political domination. The means of choice was: Satire.

One hundred political artists replaced about 200.000 absent demonstrators of the political parties Jobbik, Milla and Fidesz. Equipped with slogans like “Who is not with us, is a traitor of Hungary” and “There is no alternative – but us” the sole demonstration of that special day started at the National Museum, the original starting point of the so-called Peace March. In the spirit of the Revolution of 1848 and making use of the last remains of the freedom of speech, the activists advanced closely to the center of power, the parliament. DADA also included the ending point of the canceled demonstration of the radical right-wing Jobbik party, the Deák Ferenc Ter.

There the political artists held several speeches in Hungarian, German and Gibberish – to the applause of passing pedestrians. The highlight of the performance-act were the final announcements at Kálvin ter, the place of the canceled gathering of Milla. At this place it should have become clear to all bystanders that the activist group not only connected all those routes, but also satirized the national conservative Hungarydom of the different political parties.

The first Hungarian action of the bilateral DADA cooperation definitely was the climax of the national holiday. Viktoria Nabro, co-founder of DADA, highlighted what finally must have been said: “Only the true Hungarians claimed the streets today.”

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Nazis rein – Kommentar zur Absage des “Nazistück”

Die Intendanz des Leipziger Centraltheaters (CT) hat die Aufführung des „Nazistück“ ausgesetzt. „Verschoben“ und „abgesagt“ wurde die Aufführung bereits im Mai 2012. Die Begründung damals: das Stück sei nicht eindeutig genug in Opposition gegangen, zum dargestellten Denken und Handeln von Nazis. Fast zehn Monate später, nach einer Generalüberholung in Sachen Dramaturgie, findet die Premiere am 15. Februar 2013 statt. Doch statt drei weiterer Vorstellungen, folgt die Ansage von ganz oben: „Die Produktion NAZISTÜCK wird bis auf Weiteres vom Spielplan des SPINNWERK genommen.“

 

Sie wussten von nichts

Nun muss sich zunächst die Frage stellen, warum ein Stück, welches zu uneindeutig/grenzwertig/kontrovers für eine Premiere ist, erst um eine Spielzeit verschoben wird, nur um dann nach einer einzigen Aufführung wiederum abgesetzt zu werden. Hat sich tatsächlich keine leitende Stelle auch nur ansatzweise mit den Änderungen im Drehbuch und der Dramaturgie v o r der Premiere befasst? Augenzeugen berichten, Sebastian Hartmann, der Intendant des CT habe die Premiere besucht, um nach der Aufführung unstet durch den Vorraum des SPINNWERK zu tigern, offensichtlich zutiefst beunruhigt über das Gesehene. Waren 10 Monate nicht genug Zeit um einen Blick in das umgeschriebene Drehbuch zu werfen oder einer einzigen Probe beizuwohnen?1

Wir möchten hier nicht näher auf die Implikationen eingehen, was diese Handhabe über das theaterpädagogische Feingefühl der Leitung des CT aussagt – es handelt sich bei den Beteiligten um junge Erwachsene, die viele Monate Arbeit in Konzeption, Recherche, Charakterzeichnung, Bühnenbild und Ausführung gesteckt haben. Unbezahlte Laien, nicht Profis, die mit dem Anspruch in die Produktion gegangen sind, ihre Fähigkeiten inhaltlicher und schauspielerischer Natur zu fördern und vor Publikum zu beweisen. Und nun: Zwei Jahre Arbeit für eine Vorstellung? „Unhöflich“ wäre eine sehr höfliche Umschreibung.

Der Kunstbetrieb hat ein Naziproblem

Die Dünnhäutigkeit von Intendanz und der Chefdramaturgie rührt natürlich nicht allein von der reinen Qualität des Stücks. Einem Jugendtheater können und dürfen Schnitzer in der Ausführung durchaus nachgesehen werden2 Und man soll schon handwerklich schlechtere Aufführungen am SPINNWERK gesehen haben. Nein, das Problem ist das Material, dem sich die Beteiligten angenommen haben: Nazis, und zwar in idealtypischer Darstellung, in ihrem natürlichen Habitat (das Stück spielt in einem Nazizentrum, angelehnt an die Odermannstraße 8 in Lindenau). Der Zuschauende wird eindeutig mit nationalsozialistischen Aussagen beschallt. Der fragwürdige gesellschaftliche Konsens aber lautet, den Nazis keine Bühne zu bieten.

Wir möchten nicht unterschlagen, dass das BRIMBORIA INSTITUT bereits in eine ähnliche Bredouille geraten war, als wir 2012 zur 7. Berlin Biennale eingeladen wurden und unser ‘Nazistück’ der Unsouveränität des Kunstbetriebes zum Opfer fiel. Hier nun also: same procedure as every year. Der Kunstbetrieb in Deutschland scheint vor Ehrfurcht ergriffen, wenn es um die Behandlung der rechten Ideologie geht. Nämlich Ideologie in Form der künstlerischen Darstellung ihrer Träger, der Nazis selber. Wir sind nach wie vor der Ansicht, ein erfolgreicher Kampf gegen Nazis braucht auch die direkte Konfrontation mit Naziideologie. So zu tun, als wären Nazis nur hirnvermummte Irre, die dank Ihrer auratischen Wirkung jeden schwachen Geist sofort in ihren mystischen Bann ziehen, ist ein billige, bürgerliche Ausrede und spielt Nazis von vorn bis hinten in die Hände.

Die Waffen der Kritik

Nach der Vorstellung sitzen fast alle Besucher in der anschließend abgehaltenen Publikumsdiskussion, in Anwesenheit der DarstellerInnen und der Regie, und haken nach. Es kommen Fragen nach der politischen Haltung der Mitwirkenden, diese verneinen nachdrücklich irgendeinen Gefallen an rechter Denke gefunden zu haben; es wird nach den Bezügen im Stück zu realen Begebenheiten in Leipzig gefragt – eine Vielzahl an Anspielungen und Zitaten wird erläutert. Es kommen Fragen zum Frauenbild der Rechten und warum Nazis eigentlich Kapitalismuskritik üben. Verweise auf weiterführende Literatur werden gegeben, schon der Blick ins Programmheft gibt Hinweise auf viele Baustellen. Die Leute diskutieren über die I n h a l t e des NS. Diskussionen, die bis jetzt weitesgehend ausgeblieben sind, trotz NPD-Verbotsdebatte und irrer NSU-Abartigkeiten.

Das Stück warf die Fragen auf, der Rahmen gab Antwortansätze. Die Diskussion zeigte Verständnis und Wissenslücken, auch das Interesse, letztere zu schließen. Doch natürlich hat nicht jeder die Zeit solchem Schnickschnack beizuwohnen, denn was zählt ist ja das reine Werk. Oder wie sehen Sie das, Herr Hartmann?

 

1  Natürlich wollen wir den Aufwand nicht kleinreden: Sebastian Hartmann ist am Kofferpacken, seine Intendanz im Centraltheater endet mit dieser Spielzeit.

2  Siehe auch dazu: LVZ, „Ideologische Innenschau“, Ausgabe vom 18.02.2013, S. 9

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URBAN AGORA zum Hören und Lesen

Das Konzept URBAN AGORA – Forschungsbericht

Das BRIMBORIA Institut hatte eigens für die Veranstaltung im Rahmen des Freiraumfestivals “All You Can Paint” in Halle das Konzept URBAN AGORA entwickelt. Der Testballon hatte nun seinen Forschungseinsatz und wir können feststellen: alle Tests positiv verlaufen. Die Veranstaltung konnte trotz Beta-Status einwandfrei und mit Gewinn für alle Beteiligten stattfinden. Das machen wir nochmal.

Ganz besonders interessant ist die Möglichkeit eine URBAN AGORA in allen erdenklichen Städten in dieser bzw. weiterentwickelter Form durchzuführen. Nächstes Mal dann: Mehr Medien. Mehr Menschen. Mehr Spektakel. Dessen Regeln kennen wir nun bereits und sind gewillt das Spektakel gegen sich selbst zu wenden.

URBAN AGORA – Appendix (Texte & Audiomitschnitt)

Die Texte, die wir verwendeten und wo sie nachlesbar zu finden sind.

1. Antike
1.1. Dialog Phaidros/Sokrates (aus: Platon, Phaidros)
1.2. Aristoteles zur Polis (Auszüge aus: Aristoteles, Politik, 7. Buch)
1.3. Simmel zur antiken Kleinstadt (Auszüge aus: Georg Simmel, Die Großstädte und das Geistesleben)

2. Engels in London (Auszüge aus: Friedrich Engels, Die Großen Städte)

3. Wohnen
3.1. Adorno zum Wohnen (aus: Theodor W. Adorno, “Asyl für Obdachlose”, Minima Moralia)
3.2. Behrens zu Adorno (Auszug aus: Roger Behrens, Schöner Wohnen nach der Stadt)

4. Situationistische Internationale (SI) und Stadt
4.1. SI zum Verkehr (aus: SI, Situationistische Position zum Verkehr)
4.2. SI zum urbanen Erfahren (Auszug aus: SI, Theorie des Umherschweifens)

5. Kampf in der Stadt
5.1. Hamburger Aufstand 1923 (Auszug aus: Larissa Reissner, Hamburg auf den Barrikaden)
5.2. NATO zu Krieg in der Stadt (Auszug aus: NATO Research and Technology Organisation, Urban Operations in the Year 2020)

Den Audiomitschnitt gibts zum Hören und Herunterladen hier:

Auf diesem Wege auch noch einmal dicken Dank an:

- Hendryk, Viola, Ina und Gunther vom AYCP Festival, die die Räume aufgemacht und offen gehalten haben
- Anna Seghers und Heiner Müller, die mit Eindringlichkeit die zerhackensten Texte vorlasen
- Mario Naise, der der Kritik am Kunstbetrieb einen temporären Ort gegeben hat
- die Hipster-Antifa Neukölln mit einem Interviewpartner per Telefon und guten Antworten
- die Redaktion des “FLORIDA”-Magazins, ohne deren Publikation dieses Panoptikum schwer möglich gewesen wäre: http://florida.maknete.org/

BRIMBORIA Institut @ Orbanistan

Kurzes Update: Das BRIMBORIA Institut beteiligt sich an einem Austauschprojekt mit linken Aktivisten aus und in Ungarn. Vor einem Tag sind wir von einem Vorbereitungstreffen in Budapest wieder angekommen und werden die Tage über das gesamte Projekt sowie linke Aktivitäten dort vor Ort berichten.
Als Appetizer wollen wir an dieser Stelle schon mal einen kleinen Eindruck dokumentieren, welche Hürden linke Politik in Ungarn so vor sich sieht.

Unter den fünf verbotenen Symbolen im Orban Regime befindet sich unter anderem:

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Was dagegen völlig cool ist:

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- mehr die Tage!

BRIMBORIA Collective feat. Linni Riefenstahl – Putin Riot

In Zeiten, die sich durch Mars-Besuche und Riot Grrrls auszeichen, setzen wir uns idyllisch in den Garten um himmelshoch zu jauchen. Noch ölen wir die Scharniere des totalen Systems, aber immerhin erscheinen erste hauchzarte Risse. Nicht dass diese auf uns zurückzuführen wären. Wie ein berühmter Dichter sagte “Das System ist das System”. Daher fügt sich das BRIMBORIA Collective (BC) im Verbund mit Linni Riefenstahl unumwunden und widerspruchslos in die Maschinerie der Kulturindustrie ein und findet den Jogginganzug von Usain Bolt ganz phantastisch. Genauso wie seine Kabeltrommel. Unserer fachlichen Einschätzung nach, gehört die Produktion beider Waren umgehend verstaatlicht.
Wenn das System in seinen Grundzügen zu wanken beginnt – wir wanken kräftig mit. Tötet Skyler White!

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Das subversive Potential des Zombies

Bild: Szene aus George A. Romero’s “Night of the Living Dead”, 1968

Im Kontext des bereits erwähnten Untoten-Kongress, nun eine Erörterung der Figur des Zombies:

Zu Anbeginn jedes denkbaren Zombieszenarios steht die Umwälzung alles Bestehenden. Einer Plage gleich kommt die Invasion untoter Körper über die Welt, hochinfektiös und meist in Verbindung mit einer sehr kurzen Inkubationszeit. Die Auswirkungen sind meist so verheerend, dass ein Großteil der Betroffenen (schätzungsweise immer so 98% der Menschen in einem bestimmten Gebiet) entweder sabbernd und oder Blut kotzend durch die Landschaft röchelt. Je nach Zombie-Konzeption auch rennt. In jedem Fall kann man meist von einem Umsturz aller bestehenden Verhältnisse sprechen¹.

Die eine Frage, die das Auftreten der untoten Bedrohung aufwirft, ist die nach dem Verhalten der Überlebenden. Dabei ist es meist der Fall, dass zwar demographisch eine mächtige Zäsur zu verzeichnen ist, aber in keiner Weise das Verhalten der AkteureInnen, ihre Organisationsformen untereinander irgendwie überraschend wären. Nahrung sammeln, romantische Potentiale ausloten, Waffen putzen, Eigentum verteidigen². Den Noch-Menschen kommt aus nahe liegenden Gründen (Lebendkörperfresserinvasion) nicht der Gedanke „He, schöner Neustart! Wie wäre es mit einer befreiten Gesellschaft?“. Die Apokalypse der Untoten markiert auch vielmehr das Ende allen gesellschaftlichen Daseins. Der Zusammenbruch jeder Infrastruktur und Herrschaft wirft die Menschheit zurück in tribale Verhältnisse. So gehört zu jeder Post-Zombie Community der entsprechende Häuptling (z.B. der örtliche Sheriff), ein beträchtlicher Prozentsatz von Alten, Kranken und Kindern, die das Überleben denkbar erschweren und eine Belastung darstellen, das gutaussehende Frauchen (geringe Überlebenschance) das auch noch tough ist (gute Überlebenschance), sowie ein irrer Waffennarr. Also eigentlich alles wie gehabt in der modernen Industriegesellschaft. So betrachtet ist das Zombieszenario nichts anderes als eine moderne Robinsonade.
Und da ist das Problem: wie der Wirtschaftswissenschaftler, der der modernen politischen Ökonomie durch Inselszenarien ihre Naturwüchsigkeit nachweisen will, können Zombieapokalypsen kein wirklich adäquates Licht auf die Zukunft und die Möglichkeit einer befreiten Gesellschaft werfen.

Etwas anders ist es mit der Frage nach dem Zombie selbst. Seine Herkunft ist in der Regel etwas obskur, erklärt durch entweder biblisch: die Hölle ist voll, oder biologistisch: Veränderung der Zellstruktur, Wutvirus etc.³ Wichtig hierbei: der kommt Zombie metaphysisch mit Notwendigkeit nach dem Menschen. Immer wird der Mensch zum Zombie. Dieser Sachverhalt ist ein Hinweis darauf, dass all das, was den Zombie ausmacht im Menschen bereits enthalten ist. Was der Zombie nur nicht hat ist die Fähigkeit ein gesellschaftliches Dasein zu führen. Damit wird der Untote zum Imperativ für die menschliche Sozietät. Nun kann solch eine Sozeität ja alles Mögliche beinhalten. Hier wird der Zeitraum des Erscheinens des modernen Zombies interessant, nämlich die entwickelte Industriegesellschaft (bevorzugt USA). Ein Zombieszenario in Bangladesh widerspräche dem Zombiebegriff. Der Zombie hat ein explizites Ziel: der Mensch im entwickelten Kapitalismus westlicher Bauart. Der subversive Imperativ, der dann daraus folgt:

Ändert die Gesellschaft, die Zombies kommen!

Fußnoten:
¹ Ganz im Gegensatz zu der anderen popkulturellen Untoten-Großgruppe: der Vampire. Die agieren eher klandestin, machen sich rar, saugen hier und da mal eine Jungfrau aus und pflegen ansonsten ihre Schlösser (F.W. Murnau: Nosferatu) oder Erörtern das Thema ‚Sex mit Menschenweibchen’ (Twilight). Summa summarum keinerlei subversives Potential. Ausnahmen bilden vielleicht der goldene Nazi-Vampir und die Serie ‚True Blood’.

² Hierbei dürfte die Verteidigung des Eigentums das logisch dämlichste sein. Gibt es denn noch eine Staatsmacht die Eigentum ins Werk setzt/ dann auch garantiert? Unwahrscheinlich. Nach Zombieinvasionen ist oft weniger vom bürgerlichen Staat übrig, als nach einem atomaren Erstschlag zu Kalter-Krieg-Zeiten.

³ Interessant wird es wenn man sein Verhalten betrachtet, insbesondere bei Romeros „Dawn of the Dead“ schlurfen die Untoten zurück in das Einkaufszentrum, einfach weil sie dort in ihrem (früheren) Leben immer schöne Stunden erlebt haben.

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Die Untoten. Life Sciences & Pulp Fiction

Wann ist ein Leben zu Ende? Wann beginnt es? Und wer bestimmt darüber?

 

Bevor wir mit den Vorträgen fortfahren, im Folgenden ein kleiner Veranstaltungshinweis. Vom 12. – 14. Mai wird in Kampnagel (Hamburg) unter der künstlerischen Leitung von Hannah Hurtzig ein Initiativprojekt der Kulturstiftung des Bundes stattfinden: Es handelt sich dabei um „Die Untoten. Life Sciences & Pulp Fiction“, einen Kongress mit Inszenierung. In typischen Sets der Produktion des Untoten (Hospital, Friedhof, Labor) werden Gespräche, Vorträge, Präsentationen und Experimente ablaufen und die naturwissenschaftlichen, medizinethischen, politischen und popkulturellen Diskurse anregen, die mit der Frage nach Leben, Tod und ihren Grenzen einhergehen. Ein Blick lohnt sich bereits auf die Liste der ReferentInnen (Bruce LaBruce stellt seinen neuen Zombiefilm vor!) – dabei sind unter anderem auch Georg Seeßlen, Joseph Vogl und Klaus Theweleit, um mal willkürlich eine handvoll Highlights herauszupicken.

Das sieht nach ganz großem Brimborium aus und wir freuen uns schon wie Bolle.

Für uns als BRIMBORIA Institut ist die Frage nach der popkulturellen Bedeutung des Untoten, besonders natürlich des Zombies von Interesse – immer im Hinblick auf sein subversives Potential. Dazu folgt hier in Kürze ein Beitrag von uns. Auf der Website zum Projekt www.untot.info erscheinen übrigens in regelmäßigen Abständen Texte zum Thema. Wer sich interessiert, sollte mit http://www.untot.info/13-0-1968-Braindead.htmleinsteigen und im Mai nach Hamburg kommen. Wir sind auf jeden Fall da.

Bild: “CAT” by David Shrigley, 2007, www.untoten.info