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Anmerkungen zu Satire (I): Zur Frage nach den Grenzen

Satireproduzenten wird gern die Frage gestellt, wo die Grenzen ihres eigenen Schaffens liegen würden. In etwa lautet die Frage entsprechend: „Darf Satire wirklich alles, oder gibt es Grenzen?“ Eine beliebte Grenze ist zum Beispiel die des „guten Geschmacks“ – ein merkwürdiges Hybrid aus ästhetischer Kategorie und moralischem Urteil. Dürfe man sich auch über XY lustig machen, oder hört irgendwo der Spaß auf? Sei es bei dem Thema überhaupt angebracht, dieses satirisch zu bearbeiten? Oder müssten nicht andere künstlerische Methoden herangezogen werden?

Solche Fragen sind naheliegend, aber falsch rum gedacht. Das Material gibt vor, wie sich die satirische Reaktion konstituiert. Der Satiriker antwortet. Er antwortet mit einer Kampfansage, denn Satire heißt immer: Angriff. Es geht nicht um die Produktion von selbstgenügsamen Klamauk oder Entertainment, es geht um einen Angriff auf den Gegenstand der Indignation. Um den Gegenstand, den es abzuschaffen gilt. Satirisch Arbeiten heißt, dem Gegebenen eine angemessene Antwort entgegenzustellen. Diese muss wehtun, sonst macht man es nicht richtig. Satire ist immer Reaktion, nicht Aktion. Es geht nicht um initiative Lösungsvorschläge. Es geht um Kritik.

Kritik des Bestehenden ist der Zweck, Satire ein Mittel. Die Grenzen der Satire lassen sich von daher wenn überhaupt, dann aus Perspektive des Satireproduzenten feststellen: “Wenn ich nicht mehr lachen kann, dann werd‘ ich eben schreien.” Bis es so weit ist, bleiben wir bei Satire.

 

Kritik der Konsumkritik

Keine Besprechung, eher Randnotiz anlässlich des Erscheinens von Harald Welzers „Der Konsumismus kennt keine Feinde“ in Blätter für internationale Politik.

Konsumkritik ist ausschließlich idealistische Gesellschaftskritik, nicht mehr. Sie fängt in ihrer Analyse einfach falsch an. Das Grundproblem am Kapitalismus ist nicht, welche Güter wie konsumiert werden. Das Problem ist, wie sie produziert werden. Die Produktion erfolgt im Kapitalismus auf Basis von Spekulation. Und nein, damit sind selbstverständlich nicht nur Spekulationen im Finanzsektor gemeint.

Jeder Bäcker spekuliert jeden Morgen darauf, wie viele Brötchen wohl verkauft werden. Jeder Verlag produziert Auflagen von Büchern, ohne zu wissen, wie viele denn eigentlich gebraucht werden und jede Fernsehsendung wird zuerst produziert und dann eingestellt, wenn sie nicht genügend Einschaltquoten bringt.

Überproduktion ist innerhalb der kapitalistischen Produktionsweise unvermeidlich. Sie ist eingrenzbar durch Marktforschung, aber sie ist unvermeidlich.

Umso enttäuschender, dass Harald Welzer in seinem Artikel „Der Konsumismus kennt keine Feinde“ (erschienenen in Blätter für internationale Politik) nicht eben dies thematisiert, sondern bei Konsumkritik stehen bleibt. Es ist wirklich bedauerlich, da seine Perspektive eigentlich sehr sympathisch ist – er prophezeit, dass innerhalb kapitalistischer Verhältnisse die Menschheit sich selbst in Zukunft stark dezimiert, weil sie ihre eigenen Lebensgrundlagen zerstört.

Aber die Verhältnisse erscheinen ihm als ungeheure Ansammlung von Waren und bei dieser Erscheinung bleibt er stehen. Anstatt sich mit dem Wesen dieser Erscheinung zu befassen, kritisiert er einzelne Güter und beschwert sich über das Bedürfnis nach dem „noch flacheren Fernseher“ und „die noch fernere Fernreise“. Das ist zu wenig, gerade aufgrund der von ihm ja völlig zu Recht attestierten Dringlichkeit der Umstellung menschlichen Wirtschaftens.

Daneben Wachstumsstreben zu kritisieren, ist innerhalb dieser Verhältnisse wenig hilfreich: Es gibt kein Null-Wachstum, sondern nur Wachstum oder Stagnation. Und Stagnation sollte man in diesen Verhältnissen niemandem wünschen, es sei den man vertritt die Verelendungstheorie.

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DADA in Budapest – Seminarreise 2013 in Ungarn

Die Union ist in Aufruhr. Ungarn entfernt sich stetig von der “Wertegemeinschaft” der EU, die sich wiederum ohne Handhabe gegenüber devianten Staaten wiederfindet. Aus diesem und anderen politischen, künstlerischen und kulturellen Interessen hat sich das BRIMBORIA Institut für mehrere Wochen nach Budapest aufgemacht, um die Lage zu analysieren und gleichzeitig - ganz im Sinne der Internationalen Brigaden für Ungarn – in das Geschehen einzugreifen.

Unter direkter Beteiligung der Institutsleitung, sowie mit Mitgliedern der Front Deutscher Äpfel und der Ungarischen Knoblauchfront, gründete sich die Aktionskunstgruppe DADA (Democrat Activists for a nice Democratic Attitude), um dem Treiben der Regierung, den Faschisten und den unfähigen Oppositionellen überaffimierend zu opponieren. Die Gleichgültigkeit der politischen Botschaften resultierte in der im Video unten dokumentierten Aktion.

DADA replaces national holiday demonstrations in Budapest

“Who is not with us, is a traitor of Hungary”

One hundred artists occupy the streets of Budapest and replace the demonstrations of Jobbik, Fidesz and Milla.

A video leìràsa elèrhetö a következö linken: http://hedonist-international.org/aru…
Die deutsche Beschreibung ist unter folgendem Link verfügbar: http://hedonist-international.org/aru…

Traditionally, the 15th of March is a day of political demonstrations in Budapest. Due to a massive onset of snow in Hungary it seemed until the morning that no outside events would take place at all. But “DADA” did not want to break with that tradition. The Hungarian-German artist activist group “Democratic Activists for a nice Democratic Attitude” on the spot replaced several demonstrations of the established political parties.

In recent years the dominant political parties – especially the national conservative ones – veered away from the remembrance of Hungary’s achieved freedom in 1848. Instead of the revolution they give prominence to the nation and to the daily political showing-off. As it was the case in 1848 DADA pointed to the critique of political domination. The means of choice was: Satire.

One hundred political artists replaced about 200.000 absent demonstrators of the political parties Jobbik, Milla and Fidesz. Equipped with slogans like “Who is not with us, is a traitor of Hungary” and “There is no alternative – but us” the sole demonstration of that special day started at the National Museum, the original starting point of the so-called Peace March. In the spirit of the Revolution of 1848 and making use of the last remains of the freedom of speech, the activists advanced closely to the center of power, the parliament. DADA also included the ending point of the canceled demonstration of the radical right-wing Jobbik party, the Deák Ferenc Ter.

There the political artists held several speeches in Hungarian, German and Gibberish – to the applause of passing pedestrians. The highlight of the performance-act were the final announcements at Kálvin ter, the place of the canceled gathering of Milla. At this place it should have become clear to all bystanders that the activist group not only connected all those routes, but also satirized the national conservative Hungarydom of the different political parties.

The first Hungarian action of the bilateral DADA cooperation definitely was the climax of the national holiday. Viktoria Nabro, co-founder of DADA, highlighted what finally must have been said: “Only the true Hungarians claimed the streets today.”

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URBAN AGORA zum Hören und Lesen

Das Konzept URBAN AGORA – Forschungsbericht

Das BRIMBORIA Institut hatte eigens für die Veranstaltung im Rahmen des Freiraumfestivals “All You Can Paint” in Halle das Konzept URBAN AGORA entwickelt. Der Testballon hatte nun seinen Forschungseinsatz und wir können feststellen: alle Tests positiv verlaufen. Die Veranstaltung konnte trotz Beta-Status einwandfrei und mit Gewinn für alle Beteiligten stattfinden. Das machen wir nochmal.

Ganz besonders interessant ist die Möglichkeit eine URBAN AGORA in allen erdenklichen Städten in dieser bzw. weiterentwickelter Form durchzuführen. Nächstes Mal dann: Mehr Medien. Mehr Menschen. Mehr Spektakel. Dessen Regeln kennen wir nun bereits und sind gewillt das Spektakel gegen sich selbst zu wenden.

URBAN AGORA – Appendix (Texte & Audiomitschnitt)

Die Texte, die wir verwendeten und wo sie nachlesbar zu finden sind.

1. Antike
1.1. Dialog Phaidros/Sokrates (aus: Platon, Phaidros)
1.2. Aristoteles zur Polis (Auszüge aus: Aristoteles, Politik, 7. Buch)
1.3. Simmel zur antiken Kleinstadt (Auszüge aus: Georg Simmel, Die Großstädte und das Geistesleben)

2. Engels in London (Auszüge aus: Friedrich Engels, Die Großen Städte)

3. Wohnen
3.1. Adorno zum Wohnen (aus: Theodor W. Adorno, “Asyl für Obdachlose”, Minima Moralia)
3.2. Behrens zu Adorno (Auszug aus: Roger Behrens, Schöner Wohnen nach der Stadt)

4. Situationistische Internationale (SI) und Stadt
4.1. SI zum Verkehr (aus: SI, Situationistische Position zum Verkehr)
4.2. SI zum urbanen Erfahren (Auszug aus: SI, Theorie des Umherschweifens)

5. Kampf in der Stadt
5.1. Hamburger Aufstand 1923 (Auszug aus: Larissa Reissner, Hamburg auf den Barrikaden)
5.2. NATO zu Krieg in der Stadt (Auszug aus: NATO Research and Technology Organisation, Urban Operations in the Year 2020)

Den Audiomitschnitt gibts zum Hören und Herunterladen hier:

Auf diesem Wege auch noch einmal dicken Dank an:

- Hendryk, Viola, Ina und Gunther vom AYCP Festival, die die Räume aufgemacht und offen gehalten haben
- Anna Seghers und Heiner Müller, die mit Eindringlichkeit die zerhackensten Texte vorlasen
- Mario Naise, der der Kritik am Kunstbetrieb einen temporären Ort gegeben hat
- die Hipster-Antifa Neukölln mit einem Interviewpartner per Telefon und guten Antworten
- die Redaktion des “FLORIDA”-Magazins, ohne deren Publikation dieses Panoptikum schwer möglich gewesen wäre: http://florida.maknete.org/